Die ausgewiesene TER eines ETFs wirkt wie ein klarer Preis. Doch genau diese Zahl führt oft in die Irre. Wer zwei Portfolios vergleicht, sieht nur einen Teil der Wirklichkeit, weil Transaktionskosten, Spreads, Überlappungen und Steuern im Hintergrund wirken. Der Beitrag zeigt, warum die Fondskostenquote kein fairer Kostenmaßstab ist und wie Sie den echten Vergleich selbst aufbauen. Dabei betrachten wir zunächst, was TER, OCF und laufende Kosten wirklich abdecken. Danach folgen Transaktionskosten und Spreads, die im Depotbericht fehlen, sowie Überlappungskosten, wenn zwei ETFs dieselben Aktien kaufen. Auch Steuern als Kostenfaktor, etwa Teilfreistellung und Vorabpauschale, kommen zur Sprache. Anschließend lernen Sie eine faire Vergleichsmethode in fünf Schritten kennen, von Anlagezweck und Zielallokation über Look-through bis zur Nettokosten- und Break-even-Rechnung. Ein durchgerechnetes Beispiel zeigt, wie das günstigere Portfolio auf dem Papier teurer werden kann. Zum Abschluss behandeln wir fünf Denkfehler beim TER ETF-Vergleich und wie eine Kostenanalyse mit Investboard Portfolio, Überlappungen und Szenarien sichtbar macht. So vergleichen Sie Kosten ganzheitlich statt nur die TER zu lesen.
Warum die ausgewiesene TER als Kostenmaßstab trügt
Die TER ist als Vergleichsgröße populär, weil sie sich auf einen einzigen Prozentwert reduzieren lässt. Sie erfasst jedoch nur Zahlungen aus dem Fondsvermögen an Kapitalverwaltung, Verwahrstelle, Depotbank und Vertrieb. Die regulatorische Methodik zur Ermittlung der laufenden Kosten schließt Brokerage, Steuern, Marktimpact sowie Performance Fees und Ausgabe- beziehungsweise Rücknahmeaufschläge ausdrücklich aus.
Historische Durchschnittswerte richtig lesen
Zur Einordnung: 2018 kamen index-tracking Aktien-UCITS asset-gewichtet auf durchschnittlich 0,28 Prozent laufende Kosten, aktiv verwaltete Aktien-UCITS auf 1,29 Prozent. Diese ICI-Werte sind historisch und nicht als aktueller Maßstab zu lesen. Die Gewichtungsart verändert das Bild erheblich: Der einfache Durchschnitt lag 2018 bei 1,51 Prozent gegenüber 1,29 Prozent asset-gewichtet, weil Anleger ihr Geld überwiegend in günstigeren Fonds bündeln.
Die Kernaussage
Zwei ETFs mit identischer TER können im Portfolio unterschiedlich teuer sein. Spreads, interne Umschichtungskosten und Überlappung wirken unterhalb der Kennzahl und bleiben in der Einzelbetrachtung unsichtbar.
Dieser Beitrag liefert deshalb eine anwendbare Methode, die alle Kostenebenen sichtbar macht und einen fairen Vergleich zweier ETF-Kombinationen erlaubt. Wer die zentralen Grundbegriffe im Glossar nachschlägt, kann die folgenden Schritte leichter einordnen und die Systematik für das eigene Portfolio nutzen.
TER, OCF und laufende Kosten: Was die Kennzahl wirklich abdeckt
Wer zwei ETFs vergleicht, stößt schnell auf zwei Abkürzungen, die wie Synonyme wirken: TER und OCF. Sie sind es nicht. Die Total Expense Ratio stammt aus der Jahresberichterstattung des Fonds, die Ongoing Charges Figure aus dem KID oder KIID. Erhebung und Bezugsgröße können daher abweichen, auch wenn beide Kennzahlen im Alltag deckungsgleich verwendet werden.
In die laufenden Kosten fließen Management Fee, Verwahrstellen- und Depotbankgebühren, Administrationskosten sowie Vertriebs- und Servicegebühren ein. Sie beschreiben also die Zahlungen aus dem Fondsvermögen an Kapitalverwaltungsgesellschaft, Verwahrstelle, Depotbank und Vertriebspartner.
Nicht erfasst sind dagegen Transaktionskosten im Fonds, erfolgsabhängige Vergütungen, einmalige Ausgabe- und Rücknahmeaufschläge sowie sämtliche Steuern auf Anlegerebene. Der regulatorische Rahmen der PRIIPs-Verordnung trennt diese Kostenarten ausdrücklich; Transaktionskosten werden in einem eigenen Abschnitt behandelt und sind nicht Teil der laufenden Kostenquote.
Ein zweiter Stolperstein liegt in der Anteilsklasse. Bei entbündelten Klassen zahlen Anleger Vertriebskosten direkt statt über den Fonds, wodurch eine niedrigere Kopf-TER entsteht, ohne dass der Anleger günstiger fährt.
Drei Prüffragen vor jedem Vergleich: Welche Kennzahl steht im vorliegenden Dokument? Um welche Anteilsklasse handelt es sich? Welche Kosten sind definitionsgemäß nicht erfasst? Wer das systematisch beantwortet, legt den Vergleich auf eine belastbare Basis, statt Kennzahlen zu mischen.
Für den fairen ETF-Vergleich heißt das: erst Kennzahl und Dokumentenquelle festlegen, dann ergänzende Kostenebenen systematisch daneben legen. Wie sich das im Gesamtportfolio rechnet, zeigt Investboard mit Kosten und Steuer, nicht geschätzt, sondern gerechnet.
Transaktionskosten und Spreads: Die Kosten, die im Depotbericht fehlen
Die im KID ausgewiesenen laufenden Kosten blenden eine Kostenebene aus, die den Anleger direkt trifft: Transaktionskosten. Sie zerfallen in zwei Gruppen.
Explizite Kosten entstehen beim Kauf und Verkauf: Ordergebühren des Brokers, Börsenentgelte und, je nach Produkt, Ausgabeaufschläge oder Rücknahmeabschläge. Im Depotauszug sind sie sichtbar, im Fondsdokument dagegen nicht.
Implizite Kosten sind der Geld-Brief-Spanne (Spread) und dem Marktimpact zuzurechnen. Bei weniger liquiden ETFs oder kleinen Ordervolumina kann der Spread größer ausfallen als die TER eines ganzen Jahres. Handelszeitpunkt, Handelsplatz und Ordertyp verstärken diesen Effekt, was sich in einer Analyse der tatsächlichen Kostentreiber im Depot nachvollziehen lässt.
Hinzu kommen Umschichtungskosten innerhalb des Fonds, etwa bei Indexanpassungen oder konzeptbedingtem Rebalancing. Diese Kosten stehen nicht in der TER und tauchen in keinem Depotbericht auf.
Wie hoch implizite Transaktionskosten tatsächlich sind, ist methodisch umstritten. In der PRIIPs-Konsultation forderte ALFI Flexibilität bei der Berechnung und verwies auf begrenzte Datenverfügbarkeit und hohen Berechnungsaufwand. Der regulatorische Rahmen bleibt in Bewegung: Die gemeinsamen ESA-Q&A zu den PRIIPs-KID-Kosten behandeln in Abschnitt XIII Transaktionskosten und zusammenfassende Kostenindikatoren und wurden zuletzt am 5. Dezember 2025 aktualisiert.
Praxisregel: Handelszeitpunkt, Handelsplatz und Ordertyp beeinflussen die realen Kosten häufig stärker als ein TER-Unterschied von fünf Basispunkten.
Damit ist eine Kostenebene erfasst. Eine weitere entsteht, wenn mehrere ETFs dieselben Titel halten.
Überlappungskosten: Wenn zwei ETFs dieselben Aktien kaufen
Sichtbar wird diese Ebene erst, wenn man von der Order- auf die Portfolioebene wechselt. Klassische Kombinationen wie MSCI World plus MSCI World Small Cap oder S&P 500 plus Global-ETF halten zahlreiche Aktien mehrfach; die Diversifikation steigt dadurch nicht.
Drei Wirkungen der Überlappung. Anleger zahlen doppelte laufende Kosten auf identische Positionen, erzeugen bei jeder Umschichtung zusätzliche Reibung, weil beide Bausteine angepasst werden müssen, und tragen ein höheres Klumpenrisiko. Zugleich konzentriert Überlappung das Portfolio unbemerkt auf wenige Mega-Caps und verschiebt die tatsächliche Allokation gegenüber der gewünschten Zielstruktur.
Dass viele Anleger ihre echte Titel- und Kostenbasis nicht kennen, hat strukturelle Gründe: Look-through-Analysen gelten als aufwendig. In der Konsultation zu den ESMA-Leitlinien für ETFs forderte ALFI, Transparenzpflichten müssten verhältnismäßig bleiben und Privatanlegern einen echten Mehrwert bieten (ALFI-Stellungnahme).
Prüfgrößen für den Vergleich. Drei Kennzahlen genügen für eine erste Einschätzung: die Gesamtzahl der gehaltenen Titel, der Anteil der Top-10-Positionen am Portfoliowert und der prozentuale Überlappungsgrad zwischen den gehaltenen ETFs. Ob eine Kombination überhaupt zum eigenen Plan passt, ist dabei auch eine Frage der Anlagestrategie.
Ohne Look-through bleibt die teuerste Position eines ETF-Portfolios häufig unsichtbar. Genau dort entscheidet sich, ob die auf dem Papier günstigere Kombination im Depot wirklich günstiger ist.
Steuern als Kostenfaktor: Teilfreistellung und Vorabpauschale
Neben den Handelskosten wirkt eine weitere Ebene, die im Vergleich zweier ETF-Kombinationen häufig fehlt: die deutsche Investmentbesteuerung. Bei Aktienfonds und Aktien-ETFs stellt die Teilfreistellung einen gesetzlich festgelegten Anteil der Erträge steuerfrei und senkt damit die effektive Steuerlast. Sie greift allerdings nur auf tatsächlich anfallende Erträge. Wie die Regel auf Verkäufe, Ausschüttungen und die Vorabpauschale wirkt, erklärt dieser Beitrag zur ETF-Teilfreistellung und der 30-Prozent-Regel.
Hinzu kommt die Vorabpauschale. Sie wird jährlich auf thesaurierende Fonds erhoben, unter Umständen auch auf ausschüttende, und bemisst sich am Basiszins sowie am Fondswert, unabhängig davon, ob tatsächlich Ausschüttungen geflossen sind. Für den Kostenvergleich heißt das: Beide Portfolios trifft diese Logik grundsätzlich ähnlich, sie verändert aber die Nettorendite und damit das Rechenergebnis.
Steuerliche Annahmen gehören deshalb offen in die Vergleichstabelle, mit Quellenangabe. Maßgeblich sind Primärquellen: die Veröffentlichungen des BMF, etwa zum Basiszins, und die Informationen der BaFin. Pauschale Werte aus Sekundärquellen ersetzen diese Prüfung nicht.
Erst nach Steuern und Handelskosten wird sichtbar, welches Portfolio über den Anlagehorizont tatsächlich günstiger ist. Eine reine TER-Gegenüberstellung bleibt unvollständig, weil sie diese Ebene vollständig ausblendet.
Entscheidend für die Fairness: Beide Optionen mit identischen Steuerannahmen und identischem Horizont rechnen. Wer einem Portfolio niedrigere Steuersätze unterstellt oder unterschiedliche Haltedauern ansetzt, erzeugt einen strukturellen Verzerrungseffekt. Damit sagt das Ergebnis nichts über die tatsächliche Kostendifferenz aus.
Die faire Vergleichsmethode in fünf Schritten
Nachdem die Steuerebene geklärt ist, folgt der eigentliche Vergleich. Die Methode verfolgt ein klares Ziel: alle Kostenebenen eines ETF-Portfolios abbilden und beide Optionen identisch behandeln. Nur so wird sichtbar, welche Kombination über den Horizont tatsächlich günstiger ist.
Grundsatz der Vergleichbarkeit: Für Portfolio A und B gelten dieselbe Anlagesumme, derselbe Anlagehorizont und identische Handelsannahmen. Unterschiedliche Sparraten, Ordervolumina oder Handelsplätze verzerren das Ergebnis und machen den Vergleich wertlos.
Trennen Sie außerdem strikt zwischen einmaligen Kosten bei Kauf und Verkauf und laufenden Kosten im Bestand. Ebenso wichtig ist die Trennung zwischen Werten vor und nach Steuern. Andernfalls vermischen sich Handelskosten, laufende Fondskosten und Steuereffekte zu einer Zahl, die keine Entscheidung trägt.
Am Ende stehen zwei Kennzahlen: eine jährliche Gesamtkostenquote des Portfolios und eine Kostensumme über den Anlagehorizont. Die jährliche Quote zeigt die laufende Belastung, die Kostensumme macht Einmalkosten und Zinseszinseffekte sichtbar.
Der einzelne TER-Wert dient dabei nur noch als Ausgangspunkt, nicht als Entscheidungsgrundlage. Wer zusätzlich ETF-Überschneidungen im Portfolio erkennen will, erweitert den Vergleich um die Look-through-Ebene. Die folgenden Schritte zeigen, wie Sie diese Methode konkret anwenden.
Schritt 1: Anlagezweck, Horizont und Zielallokation festlegen
Bevor Sie die erste Kostenzeile eintragen, steht der Maßstab: Definieren Sie Anlagezweck, Haltedauer und gewünschte Aktienquote. Ob ein Portfolio dem Vermögensaufbau über 20 Jahre oder einem Ziel in fünf Jahren dient, verändert die zulässige Schwankungsbreite und damit das gesamte Kostenurteil. Wie Sie diese Aufteilung systematisch festlegen, zeigt der Leitfaden zur Asset Allocation für Privatanleger.
Daraus folgt der Vergleichsmaßstab. Beide Optionen sollten dieselbe Regionen- und Größenverteilung, dieselbe Währung und ein vergleichbares Risikoprofil aufweisen. Ein Schwellenländer-ETF gegen einen Euro-Anleihen-ETF ist kein fairer ETF-Vergleich, sondern ein Konzeptvergleich. Nur Kosten, die demselben Zweck dienen, sind vergleichbar. Halten Sie Zweck, Horizont und Zielallokation schriftlich fest, bevor Sie TER-Werte nebeneinanderlegen; sonst messen Sie Unterschiede im Anlagekonzept statt in der Kostenstruktur.
Schritt 2: Alle Kostenebenen je ETF erfassen
Nachdem Anlagezweck, Horizont und Zielallokation feststehen, beginnt die Datenerhebung. Notieren Sie für jeden ETF die TER oder OCF und halten Sie zusätzlich fest, aus welchem Dokument der Wert stammt. Die TER steht typischerweise im Jahresbericht, die OCF im KID. Die Dokumentenquelle gehört in die Tabelle, weil beide Kennzahlen nicht identisch erhoben werden und eine Vermischung den Vergleich verzerrt.
Ergänzen Sie die Tracking-Differenz als Kontrollgröße. Sie zeigt, wie viel Rendite nach allen realen Kosten im Fonds tatsächlich hängen bleibt, und weicht je nach Anteilsklasse und Umsetzungsqualität ab.
Prüfen Sie anschließend die Handelskonditionen Ihres Brokers: Ordergebühren, Sparplankonditionen und mögliche Ausgabeaufschläge. Diese Kosten fallen unabhängig von der TER an.
Schätzen Sie den Spread, indem Sie die Geld-Brief-Spanne zur üblichen Handelszeit am vorgesehenen Handelsplatz betrachten. Ein illiquider ETF oder ein Handelsplatz mit geringer Liquidität kann hier mehr kosten als die TER eines ganzen Jahres.
Sammeln Sie alle Werte in einer einheitlichen Tabelle mit identischen Bezugsgrößen und Währungen. Nur so liegen im nächsten Schritt vergleichbare Zahlen vor, die sich gewichten und gegenüberstellen lassen. Wer die Kosten und Steuereffekte nicht schätzen, sondern sauber durchrechnen will, findet dafür eine passende Grundlage: Cost and tax, not estimated but computed.
Schritt 3: Look-through und Überlappung prüfen
Mit der ausgefüllten Kostentabelle liegen die Kennzahlen je ETF vor. Jetzt folgt der Blick unter die Fondsoberfläche. Führen Sie die Einzeltitel aller ETFs beider Optionen in einer Liste zusammen und markieren Sie jede Mehrfachnennung. Schon ein MSCI World plus S&P 500 oder ein Welt-ETF plus Small-Cap-ETF zeigt viele identische Positionen. Berechnen Sie daraus die Überlappungsquote, also den Anteil des Kapitals, der auf dieselben Aktien entfällt, sowie den Anteil der größten Einzelpositionen am Gesamtportfolio. Beide Werte decken versteckte Konzentration und doppelt getragene laufende Kosten auf. Prüfen Sie anschließend, ob die Kombination noch Ihrer Zielallokation entspricht oder faktisch eine Wette auf wenige Mega-Caps ist. Notieren Sie das Ergebnis als eigene Zeile mit Überlappungsquote, Top-Positionen und daraus folgendem Doppelkostenanteil. Damit wird die Überlappung als Kosten- und Risikoposition sichtbar, statt in der Gesamtrechnung zu fehlen. Das ist der Kern des fairen etf Vergleichs, den eine reine TER-Betrachtung übersieht.
Schritt 4: Nettokosten nach Handelskosten und Steuern berechnen
Nachdem Sie Überlappungen identifiziert haben, rechnen Sie die Nettokosten je Portfolio aus. Einmalige Handelskosten (Ordergebühren, Spread, Ausgabeaufschläge) addieren Sie zunächst und teilen sie durch die geplante Anlagesumme. Diesen Prozentsatz verteilen Sie über den Anlagehorizont, etwa auf zehn Jahre. So werden Kauf- und Verkaufskosten pro Jahr vergleichbar.
Die laufenden Kosten berechnen Sie als gewichteten Durchschnitt aller gehaltenen ETFs. Gewichten Sie jede TER mit ihrem Anteil am Portfoliowert. Bei Überlappungen zählen die Kosten identischer Positionen doppelt, obwohl sie keine zusätzliche Diversifikation bringen. Erfassen Sie deshalb auch die internen Umschichtungskosten, etwa aus Indexanpassungen.
Auf die erwarteten Erträge wenden Sie die Steuereffekte an: Teilfreistellung senkt die Steuerlast, die Vorabpauschale erzeugt einen jährlichen Steuerbetrag, auch ohne Ausschüttung. Bilden Sie daraus Nettowerte nach Steuern.
Stellen Sie beide Portfolios in einer einheitlichen Kostentabelle dar: TER, interne Kosten, Handelskosten, Steuereffekt und Gesamtsumme. Diese Tabelle ist die Grundlage für den fairen Vergleich.
Schritt 5: Szenarien rechnen und Break-even bestimmen
Die Kostentabelle aus Schritt 4 bildet eine Annahme im ETF-Vergleich ab. Jetzt variieren Sie Rendite und Haltedauer: etwa 4, 6 und 8 Prozent p. a. über 10, 20 und 30 Jahre. So wird sichtbar, wie empfindlich der Kostenvergleich auf die erwartete Wertentwicklung reagiert.
Für den Break-even gilt: Ab welcher Haltedauer gleichen niedrigere Handelskosten höhere laufende Kosten aus? Rechnen Sie beide Optionen mit identischen Annahmen. Ein Portfolio mit geringerem Spread und seltenerem Handel kann anfangs teurer sein, über 20 Jahre aber günstiger.
Testen Sie zusätzliche Szenarien: häufigeres Rebalancing, höhere Sparraten und ein Wechsel des Handelsplatzes. Jede Variante verändert Spread, Orderkosten und die Gewichtung der laufenden Kosten.
Halten Sie jedes Ergebnis in einer einfachen Tabelle fest. Wählen Sie nicht die Option mit dem besten Einzelwert, sondern die robusteste: jene, die in mehreren Szenarien günstig bleibt. Das reduziert die Gefahr, dass ein optimierter Einzelfall im Alltag kippt.
Durchgerechnetes Beispiel: Das günstigere Portfolio kostet mehr
Die Break-even-Logik lässt sich am klarsten an einem konkreten Zahlenbeispiel nachvollziehen. Wir vergleichen zwei Portfolios über zehn Jahre bei 50.000 Euro Anlagesumme und jährlichem Rebalancing. Alle Annahmen sind fiktiv und dienen nur der Methode, nicht als Prognose.
Ausgangslage
Portfolio A setzt auf einen breit gestreuten Kern-ETF mit 0,20 Prozent TER. Portfolio B kombiniert zwei überlappende ETFs mit durchschnittlich 0,15 Prozent TER und wirkt damit auf dem Papier günstiger. Der TER-Vorteil beträgt rechnerisch 0,05 Prozentpunkte pro Jahr, also 25 Euro jährlich bei dieser Summe.
Spread und Ausführung
Einer der beiden ETFs in Portfolio B hat ein deutlich kleineres Handelsvolumen. Kauft man ihn zu weniger liquiden Zeiten, weitet sich der Spread. Angenommen werden 0,25 Prozent statt 0,05 Prozent: Auf 50.000 Euro verteilt über die Kauforder sind das rund 100 Euro zusätzliche Kosten, die die TER-Ersparnis im ersten Jahr bereits übersteigen.
Überlappung
Beide ETFs in Portfolio B halten einen Teil derselben Aktien. Diese Positionen werden doppelt gehalten, die laufenden Kosten fallen auf dieselben Titel zweimal an. Zusätzliche Diversifikation entsteht dadurch nicht, wohl aber ein höheres Klumpenrisiko. Im Beispiel betrifft die Überlappung rund 30 Prozent des Portfoliowerts.
Rebalancing
Weil Portfolio B zwei Positionen mit unterschiedlicher Entwicklung führt, wird häufiger umgeschichtet. Bei vier Transaktionen jährlich zu je 8 Euro Ordergebühr entstehen 32 Euro, über zehn Jahre 320 Euro einmalige Transaktionskosten. Portfolio A kommt mit zwei Transaktionen aus.
Ergebnis und Annahmen
Über den Horizont gerechnet liegt Portfolio A trotz höherer TER vorn. Die Differenz entsteht vollständig unterhalb der TER-Ebene. Offengelegt sind hier: 50.000 Euro Startsumme, zehn Jahre, vier Umschichtungen in B, 8 Euro pro Order, Spread-Annahme 0,25 Prozent in B gegen 0,05 Prozent in A, 30 Prozent Überlappung. Ändert man eine dieser Größen, verschiebt sich das Resultat. Genau das macht die Methode nachvollziehbar und unterscheidet sie von einer Prognose.
Fünf Denkfehler beim ETF-Vergleich
Das Beispiel zeigt, wie eine TER-Rangliste in die Irre führt. Fünf Denkfehler kehren in der Praxis besonders häufig wieder.
1. Niedrigste TER gleich günstigster ETF. Spread, Ordergebühren und Überlappung bleiben außen vor. Bei weniger liquiden ETFs kann die Geld-Brief-Spanne den Jahresvorteil weniger Basispunkte vollständig aufzehren, doppelt gehaltene Positionen kosten sogar zweimal laufende Gebühren.
2. TER und OCF werden vermischt. Die TER erscheint im Jahresbericht, die OCF im KID. Anteilsklassen mit eingerechneten und entbündelten Vertriebskosten lassen sich nicht direkt gegenüberstellen, weil der Anleger im zweiten Fall den Vertrieb selbst zahlt.
3. Tracking-Differenz wird nicht gelesen. Sie zeigt, wie viel nach realen Kosten im Fonds tatsächlich beim Anleger ankommt, und ist damit aussagekräftiger als die beworbene Kopfzahl. Zwei ETFs mit identischer TER können hier deutlich auseinanderliegen.
4. Branchendurchschnitte ohne Kontext. Ohne Erhebungsjahr und Gewichtungsart ist kein Mittelwert einzuordnen. Einfacher und asset-gewichteter Durchschnitt fallen deutlich auseinander, historische Werte wie die aus 2018 taugen nicht als aktueller Maßstab.
5. Steuern und Handelskosten fehlen. Ohne Teilfreistellung, Vorabpauschale und Orderkosten erscheint ein kurzfristiger TER-Vorteil größer, als er über den Anlagehorizont ist.
Wer diese fünf Punkte prüft, vergleicht nicht Kennzahlen, sondern die tatsächliche Kostenbasis. Wie sich das im eigenen Depot systematisch erfassen lässt, zeigt der folgende Abschnitt.
Kostenanalyse mit Investboard: Portfolio, Überlappungen, Szenarien
Wer diese fünf Denkfehler vermeidet, braucht für den nächsten Vergleich eine belastbare Datenbasis. Genau hier setzt die Portfolioanalyse an.
Ein Blick auf das Gesamtportfolio. Der Portfolioblick führt ETFs und Einzeltitel aus verschiedenen Konten in einer Ansicht zusammen. Dadurch wird die Kostenbasis des Gesamtportfolios sichtbar, statt einzelner ETF-Kennzahlen nebeneinander.
Look-through statt Bauchgefühl. Die Look-through-Analyse löst die zugrunde liegenden Positionen der gehaltenen ETFs auf und markiert Überlappungen, bevor sie zu versteckten Doppelkosten werden. Kennzahlen zu Konzentration und Diversifikation ordnen ein, was eine Überschneidung für Risikoprofil und Zielallokation bedeutet, etwa wenn dieselben Mega-Caps mehrfach im Portfolio liegen.
Mandat und Szenarien. Im persönlichen Investment Mandate hinterlegt man Ziele, Asset Allocation und Risikogrenzen. Abweichungen von der eigenen Allokation werden sichtbar, und die Szenarioplanung zeigt, wie unterschiedliche Annahmen zu Rendite, Haltedauer oder Rebalancing auf das Ergebnis wirken. Steuereffekte wie Teilfreistellung und Vorabpauschale lassen sich in den Szenarien mitdenken.
Was das Werkzeug leistet, und was nicht. Investboard analysiert und erklärt Zusammenhänge im Portfolio. Es führt keine Transaktionen aus und verwaltet keine Kundengelder; die Anlageentscheidung bleibt beim Nutzer.
So wird aus der Einzelkennzahl eine Entscheidung auf Basis der tatsächlichen Gesamtkosten des ETF-Portfolios.
Fazit: Kosten ganzheitlich vergleichen statt nur die TER lesen
Die Portfolioanalyse macht sichtbar, was unter der Oberfläche liegt. Für die Entscheidung bleibt die TER ein sinnvoller Ausgangspunkt, sie ist aber keine Gesamtkostenquote eines ETF-Portfolios.
Vier Handlungsschritte für den nächsten Vergleich:
Dokumentenquelle und Anteilsklasse prüfen: Steht die Kennzahl im Jahresbericht oder im KID, und welche Kostenstruktur gilt für die gewählte Anteilsklasse?
Spread und Handelskosten erfassen: Geld-Brief-Spanne, Ordergebühren und Handelsplatz in die Rechnung aufnehmen.
Look-through auf Überlappungen rechnen: Mehrfach gehaltene Titel und doppelt anfallende Kosten identifizieren.
Steuereffekte einbeziehen: Teilfreistellung und Vorabpauschale mit identischen Annahmen auf beide Optionen anwenden.
Rechnen Sie beide Optionen stets mit denselben Annahmen, damit aus dem Vergleich eine belastbare Entscheidungsgrundlage wird. Halten Sie das Ergebnis als jährliche Gesamtkostenquote und als Kostensumme über den Horizont fest, und prüfen Sie es in Szenarien mit unterschiedlichen Renditen und Haltedauern.
Der faire ETF-Vergleich entscheidet sich unterhalb der ausgewiesenen Kennzahl, genau dort, wo Transaktions-, Spread- und Überlappungskosten wirken.